Tiere, dem Menschen zu Kopfe gestiegen
Eröffnungsrede von Roland Held, gehalten am 21.März 2003 anlässlich der Ausstellung "Mensch/Tier - Tier/Mensch" in der Galerie Artis, Darmstadt



Eine Geschichte unter anderen, mit denen sich ein Papua-Kopfjägerstamm aus dem Südwesten Neu-Guineas erklärt, warum die Welt ist, wie sie ist, heißt:

                 Das Holzkrokodil*
Die Dämonen machten einmal eine weite Reise in einem Einbaum. Es war ein großes Fahrzeug, das sie abends, wenn sie an Land übernachteten, etwas auf das Ufer zogen. Sie führen den Fluß Maro hinab und gelangten bis zu dem Ort Gandin, nahe des Meeres. Hier übernachteten sie wieder. Sie hatten aber nicht daran gedacht, daß hier die Wellen stärker sind als im Insel-innern, denn es waren alles Dämonen aus dem Hinterland.
Während sie in Gandin schliefen, rüttelten die Wellen am Einbaum und bewegten ihn so heftig, dass er zurück ins Wasser glitt. Durch die Bootsbewegungen wuchsen ihm unversehens Füße, und sein Hinterende wurde beweglich, so daß es sich in einen Schwanz verwandelte, während das Vorderende mit seiner Zackenschnitzerei zu einem Maul mit großen Zähnen wurde. Das erste Krokodil war entstanden.
Die Dämonen hatten davon nichts bemerkt. Sie suchten am Morgen vergeblich ihr Boot und sahen auch das Krokodil nicht, denn es war untergetaucht. Die Dämonen dachten, das Boot sei gesunken, und wateten ins Wasser, um es zu suchen. Da packte das Krokodil viele von ihnen und zog sie unter Wasser. Erschrocken gaben die Dämonen die Suche nach ihrem Boot auf und machten sich daran, ein neues Fahrzeug zu bauen. Ihnen schien ein Baumstamm dafür geeignet, der nahe am Ufer lag, aber als sie sich ihm näherten, rutschte er ins Wasser. Es war das neuentstandene Krokodil gewesen.
Nun begriffen die Dämonen, dass dieses Wesen ihre Freunde unter Wasser gezogen hatte, und sie beschlossen, es zu töten. Das war aber nicht so einfach, denn wenn es wieder auftauchte und sie ihre Speere nach ihm warfen, prallten die an seiner harten Haut ab, und das Untier verschwand wieder in der Tiefe.
Als es dann lange Zeit unten blieb, tauchte ein tapferer junger Dämon hinab, der zum Atmen ein langes Bambusrohr mitgenommen hatte. Auf dem Grunde des Flusses fand er das Krokodil schlafend inmitten seiner erbeuteten Schädel. Er fesselte es mit starken Rattanschnüren und stieg mit dem Gefangenen wieder nach oben. Hier töteten die Dämonen das Krokodil und aßen es auf. Damit war die Gefahr aber noch nicht gebannt, denn das Krokodil hatte viele Eier gelegt, aus denen neue Tiere entstanden. Und sie waren derart geil, dass man heute noch einen unsittlichen Menschen Krokodilmann schilt, weswegen sie sich ungehemmt weiter vermehrten...
Wenn sie am Ufer ruhen, sehen sie immer noch aus wie alte Baumstämme.

Ich trage diese exotische Mythe mitnichten vor, weil ich der Meinung wäre, dass Christian Rösner sich von derlei bei der bildhauerischen Arbeit inspirieren lässt. Auch wenn seine über Jahre kontinuierliche Beschäftigung mit den Themen Mensch - Tier - Tier und Mensch ihn mehrmals auf Ergebnisse kommen ließ, die man getrost "Krokodilmann" taufen könnte - etwa ein sowohl in Pappelholz als auch in Bronze ausgeführtes Mischwesen, das zwar den Körper und die Glieder eines Menschen besitzt, an seinen Enden jedoch in einen Echsenschwanz bzw. in den hochgereckten Flachschädel eines Krokodils übergeht. Dennoch sehe ich bestimmte strukturelle Bezüge der alten Stammeserzählung zu zeitgenössischer Tierbildhauerei. Da ist zum einen die Selbstverständlichkeit - denn der Erzähler scheint da mit keiner Wimper zu zucken -, mit der sich Totes in Belebtes verwandelt; mit der ein sehr agiles Krokodil hervorgeht aus einem Einbaum, den wir uns doch eher plump und steif vor-stellen. Nicht nur für den Laien ist es immer wieder erstaunlich, zu verfolgen, wie zielstrebig ein Künstler aus dem gesichtslosen, gestaltlosen Zylinder eines Baumstamms eine wiedererkennbare, mehr noch: eine uns zuwinkende, zu uns sprechende Form hervorschält. (Mit dem sanften Geschaukel eines Flusses ist, anders als in unserer Papua-Mythe, der handwerkliche Part nicht erledigt. Christian Rösner befreit seine Skulpturen im Schweiße seines Angesichts, mithilfe der brachialen Motorsäge aus dem Holz.)
Aber das wäre nur die eine, die äußerliche Parallele zwischen der Geschichte vom Holzkrokodil und der Tierbildhauerei. Bedeutsamer scheint mir, daß dem Tier die Aufgabe zufällt, durch seine Handlungen einzugreifen ins Gefüge der übernatürlichen Welt und in ebendem Maße selbst zu einem Teil dieser Welt zu werden. Immerhin sind es, laut unserem Papua-Gewährsmann, ja Dämonen, also keine unerheblichen Wesen, die zur Hälfte vom Krokodil aufgefressen werden, auch wenn die Überlebenden es ihm dann in gleicher Münze heimzahlen. Ich behaupte: die Faszination - Schauder ebenso wie Bewunderung - gegenüber dem Tier dauern bei uns "Zivilisationsbürgern" unvermindert fort, die Bereitschaft, das Tier auszustatten mit Eigenschaften, die den Bereich des Natürlichen weit überschreiten. Und das, obwohl die Zeiten, da Tier und Mensch noch in großer Nähe zueinander lebten und diesem zu jeder Stunde seiner jagenden bzw. viehzüchtenden Existenz die Abhängigkeit von jenem bewusst war, lange vorüber sind; obwohl seither unsere technischen Erfindungen und unsere wissenschaftliche Aufgeklärtheit einen Keil zwischen Mensch und Tier geschoben haben. Besagte Faszination bleibt am Anfang des 21.Jahrhunderts virulent genug, die kreative Neugier junger Künstler wie Christian Rösner in Richtung Tier zu lenken.
Woran liegt das? Die Antwort gründet tiefer als nur auf der Geschichte des Menschengeschlechts - nämlich auf seiner Psychologie. Seit je ist das Tier für uns Projektions- und Identifikationsfigur. Im Ursprung mag das daher rühren, dass der Mensch, laut Arnold Gehlen, ein "Mängelwesen" ist, physisch schlechter ausgerüstet als das Tier, um die Gefahren des Daseinskampfs zu bestehen. Er bezog daher Kraft daraus, mit dem Tier sozusagen auf Du und Du zu kommen, in ihm einen spirituellen Ahnen des Clans oder einen persönlichen Schutzgeist, ein Totemtier, zu besitzen. Dem steht nicht entgegen, dass er dem Tier seines Fleisches wegen nachstellte. Es musste nur gesichert sein, dass der Geist des erlegten Tieres mit Opfern und Riten besänftigt war. Hat es darin seine Wurzel, dass einige der Mensch-Tier-Mischwesen Christian Rösners eine ausgesprochen schamanische Anmutung haben? Von den eiszeitlichen Höhlenmalereien in Altamira und Lascaux bis zu den Alten Ägyptern, die Götter in Tiergestalt verehrten, ist es nur ein Schritt; ein weiterer Schritt ist es von den Tierbildern der frühen Hochkulturen zu Franz Marc, wenn der schreibt: "Ich suche mein Empfinden für den organischen Rhythmus aller Dinge zu steigern, suche mich pantheistisch einzufühlen in das Zittern und Rinnen des Bluts in der Natur, in den Bäumen, in den Tieren... Ich sehe kein glücklicheres Mittel zur Animalisierung der Kunst, wie ich es nennen möchte, als das Tierbild."

Nun will ich nicht den Eindruck erwecken, als werde diese nur knapp skizzierte künstlerisch-geistige Linie, wo das Übernatürliche im Natürlichen entdeckt wird, gänzlich ungebrochen, unreflektiert von Christian Rösner fortgesetzt. Dazu steckt zu viel Ironie in der Art und Weise, wie seine Skulpturen die herkömmliche Rollenverteilung von Reiter und Reittier umkehren, oder wie sie die Tiere dem Menschen buchstäblich zu Kopf steigen lassen. Hintersinniger Humor verrät sich, wenn zwei Bronzen, "Mann trägt Baby" und "Frau trägt Hund", das typische Elternverhalten verfremden, so dass der Mann seinen Nachwuchs mit den Zähnen am Genick packt wie eine Tiermutter und die Frau ihren Hund so von sich streckt, als wolle sie Bekannten stolz ihr Kind präsentieren. Rösner hat sichtlich seinen Spaß daran, die Grenzen zwischen den unterschiedlichen Spezies zu verwischen oder zumindest deren eingefleischte Rollen zu hinterfragen.
Bei allen thematischen, ja sogar einzelmotivischen Überkreuzungen folgt dieser Bildhauer doch den Gesetzen seines Materials. Wenn er in Holz arbeitet, sind die Ergebnisse von einer kubischen Stämmigkeit und Reduktion; Flächen mit den unkaschierten Spuren der Sägezähne schließen die Volumen zum Umraum hin ab. Wo immer möglich, übernimmt er die Vorgaben des Baumstamms und lässt etwa die Figur aus der massigen Plinthe, manchmal noch mit Rindenresten, direkt hervorwachsen. Wo immer nötig, behält er sich vor, abstehende Glieder sichtbar grob anzupflocken, als bastle er überdimensionales Spielzeug. Organischer fällt der anatomische Zusammenhang aus, wenn Rösner in Wachs für Metallguss arbeitet. Je kleiner die Plastiken sind, desto klarer sieht man, wie sie aus angedrückten, plattgepressten Kügelchen aufgebaut sind. Jedem Kriminalisten wäre es ein Leichtes, anhand der Fingerabdrücke, die auf der Oberfläche der Bronze stehen bleiben, Christian Rösner der Täterschaft zu überführen. Die künstlerische Handschrift, von der so viel die Rede ist - hier wird sie manifest. Sie beginnt übrigens schon mit dem regelmäßigen Zeichnen nach der Natur, das erste Form- und Richtungsentscheidungen klärt. Dank des Bewegungsflusses, den die (bronzenen) Plastiken stärker transportieren als die (hölzernen) Skulpturen, lässt sich ablesen, dass ein Thema, das quer durch das Rösner'sche Schaffen geistert - siehe die zu Tanz, Sprung oder Flug Ansetzenden -, der Wunsch ist, einen Ort oder Zustand einzutauschen gegen einen anderen.

Das bringt mich nochmals auf meine Hauptargumentation zurück. Ich kann mich des Verdachts nicht erwehren, dass Christian Rösner die ironischen, skurrilen, humoristischen Situationen seiner Arbeiten nutzt, um uns in zeitgenössischer bildhauerischer Sprache doch wieder mit dem alten, dem archaischen Menschheitsrätsel Tier zu konfrontieren. Dass er, um mit dem Begriff Franz Marcs zu reden, seine eigene Animalisierung der Kunst betreibt. (Auch das wäre ja eine Ortsveränderung, ein Zustandstausch.) Mit Vermenschlichung, gar Verniedlichung des Tiers hat das nichts zu tun; das Gegenteil ist der Fall! Es ist ein Projekt, das entschieden weniger mit Walt Disney zu tun hat als mit Joseph Beuys. Denn wenn der seine Symboltiere Hirsch, Schaf und Hase, Biene und Schwan pflegte, dann fiel die Spiritualisierung der Kunst sehr wohl in eins mit ihrer Animalisierung.
Ich möchte schließen mit einer alternativen Erklärung, warum wir vom Tier in seiner Ambivalenz von Vertrautem und Fremdem einfach nicht lassen können: es steckt ins uns. Es steckt in uns, insofern bekanntlich jeder während seiner Embryonalphase verschiedene tierische Stufen durchlaufen hat, bevor er anatomisch zum Menschen reifte. Noch in anderer Weise steckt es in uns, wenn wir den Thesen des Hirnforschers Paul McLean glauben dürfen. Er gliedert unser Hirn sauber in drei Zentren, die sich zu unterschiedlichen Zeiten der biologischen Evolution entwickelten und bis heute unterschiedliche Funktionen wahrnehmen. Als ältestes wäre da der Limbische Knoten, ein hufeisenförmiges Organ an der Schädelbasis. Er kümmert sich um das nackte physische Überleben des Individuums. Er übernimmt die Regie im Gefahrenfall und gibt seine Anweisungen dann kalt und gnadenlos egoistisch: das sog. Reptilhirn. Darüber faltet sich das sog. Säugetierhirn, das unsere Emotionen und Leidenschaften steuert. Es ist seinerseits überzogen von einer dünnen, aber hochaktiven Schicht, mit Millionen Neuronenzellen pro Quadratzentimeter: der sog. Neo-Kortex, der nur den Primaten, den Affentieren (einschließlich uns Menschen) eigen ist und die Grundlage abgibt für die Leistungen von Intellekt, Kreativität, Phantasie, Seele.
Der amerikanische Schriftsteller Robert Bly, dem ich diesen Hinweis verdanke, bezieht die McLean'schen Thesen in einer Weise auf sein Land, die heute leider noch ebenso aktuell ist wie vor dreißig Jahren, als er die folgenden Zeilen schrieb: "Welches Hirnzentrum jeweils mit der meisten Energie versorgt wird, wird auch den Charakter der betreffenden Person bestimmen, egal über wieviel Intelligenz oder Verstandeskraft sie verfügt. Wenn man bedenkt, welche Angst die Vereinigten Staaten sowohl ihren eigenen Bürgern als auch den Bürgern anderer Nationen einflößen, dann erscheinen sie wie eine gewaltige Maschinerie, mit dem Zweck, Menschen auf die Stufe des Reptilhirns zurückzuwerfen. Die Ökologiebewegten dagegen, die Dichter, Sänger, Meditationszirkel, Rockgruppen und viele Angehörige der jüngeren Generation überhaupt versuchen verzweifelt, den gegenwärtigen Energiefluss im Gehirn umzukehren."** So weit Robert Bly. Ich möchte seiner Aufzählung jener dissidentischen Kräfte, die daran arbeiten, Energie im Reptilhirn aufzuspüren und sie von dort umzuleiten in den mit anspruchsvolleren Inhalten befassten Neo-Kortex, hier den Namen eines jungen Bildhauers hinzufügen, dessen Schaffen eine Brücke schlägt von der Echse über Vogel und Säugetier zum Menschen.


*  Gekürzte, verdichtete Version nach: Söhne des tötenden Vaters. Dämonen- und Kopfjägergeschichten aus Neu-Guinea, hrsg. v. Hans Nevermann, Eisenach und Kassel 1957, S.67-69.

** The Three Brains, in: Robert Bly (Hrsg.): Leaping Poetry. An Idea with Poems and Translations, Boston 1975, S.59-67, besonders S.62.