"Der Affe ist kein Affe"
Gespräch von Burkhard Hirschhäuser mit dem Bildhauer Christian Rösner


Burkhard Hirschhäuser:
Tier und Mensch sind Hauptdarsteller in deinen Arbeiten. Woher kommt diese Affinität zu Tieren?
Ich kann das eigentlich nicht erklären, warum mich Tiere so faszinieren. Ich schau mir einfach gern diese Formen an. Ich finde genauso großen Gefallen an der Darstellung des Menschen. Was mich interessiert ist das Spannungsverhältnis zwischen Mensch und Tier.


Christian, wir haben die Fertigstellung der Figur " Affe und Menschen" gefilmt.

Der Affe triumphiert über den Menschen?..........................?????
Der Affe ist dem Menschen sehr nahe. Von daher ergibt sich hier mit dieser Skulptur eine etwas groteske Situation, wenn ich die beiden Menschen so hinein komponiere, dass sie vom Affen im Schwitzkasten gehalten werden und zwar so verfremdet, dass es nicht aussieht wie eine Kampfszene, sondern wie etwas Abstraktes, das durch die unnatürliche Streckung der beiden Menschen untermauert wird.
Grundsätzlich interessiert mich das Animalische, sag ich mal, das Ursprüngliche, das in jedem Menschen steckt. Menschen funktionieren häufig wie Tiere - dieses Spannungsverhältnis zwischen menschlichem  und dem tierischen Verhalten, das immer im Menschen verborgen liegt und dann plötzlich offen ausbricht, beschäftigt mich. Man muss hier nur z. B. das Paarungsverhalten betrachten. Das alles finde ich sehr spannend.


Ist das Arbeiten nach der Natur wichtig für dich?
Selbstverständlich! Ich brauche sie. Letztlich geht's ohne Naturstudien nicht. Es wird sonst unglaubwürdig, wirkt dann einfach zu erfunden. Um eine Form zu machen, brauche ich das Vorbild Natur. Sie inspiriert mich. Ich beobachte viel und zeichne viel nach der Natur. Schon allein diese Vorstudien sind unheimlich spannend. Ich muss erleben, was ein Tier ist. Das steht eigentlich am Anfang. Entscheidende Merkmale müssen einfach da sein. Wenn ich die nicht treffe, ist der Affe kein Affe.


Christian, wie entstehen deine Figuren. Wie entwickelst du deine Ideen weiter?
Zuerst gehe ich mal schwanger mit meinen Ideen. Wenn ich das so ein bisschen konkretisiert habe im Kopf, fange ich an zeichnerisch eine Lösung zu suchen, wie ich mich in der Skulptur der Sache annähern könnte. Daher ist Zeichnen für mich am Anfang sehr wichtig. Beim Zeichnen ergibt sich dann oft die Komposition. Wenn man sich z.B. die Skulptur "Mann mit Echse" anschaut - da habe ich mit derEchse rumprobiert, bis ich gesehen habe, dass der Aufbau mit der Echse auf dem Kopf des Mannes erst richtig gut ist und meiner Idee am nächsten kommt. Nach diesen Vorarbeiten modelliere ich kleine Wachsskizzen, die dann wiederum ein bisschen ruhen, bis die Idee sich dann auch dreidimensional als gut genug erwiesen hat, um sie dann in Holz zu verwirklichen. Die kleine Arbeit zeigt mir dann ganz klar wie ich ins Holz gehe, wo ich anzapfen muss, wo ich das Volumen des Stammes zugunsten der Figur verändern muss.


In deiner Tierwelt tauchen aber häufig aggressive Tiere auf, wie das Krokodil, der Greifvogel oder der Löwe. Warum?
Manchmal frag ich mich das auch. Ich unterscheide mich wenig von der Mehrheit der Fernsehzuschauer, von denen die meisten auch lieber sehen wollen, wie ein Löwe ein Gnu zerfetzt, als einen Gartenrotschwanz, der sein Nest bebrütet. Letztlich kann man sich ja auch fragen, warum sich Boxkämpfe solcher Beliebtheit erfreuen. Da wird anscheinend ein ähnlicher Urinstinkt befriedigt, dass wir Gefallen finden an so einem Kampf. Es gibt Menschen, die finden das abstoßend - ich nicht.


Beispiele für Formgebung, Dynamik und Aggressivität sind sicher deine Hundedarstellungen wie zum Beispiel der kleine Hund, der sich in einen viel Stärkeren verbeißt.
Hunde faszinieren mich so, dass ich sie gerne darstellen möchte, aber das alleine reicht noch nicht aus. Das Ganze muss noch in die Gesetze der Skulptur gepackt werden. Wie stelle ich das möglichst spannend dar, wie bringe ich das in so eine Form, dass man sagen kann: Sapperlot, gute Figur! Bei dieser kleinen Bronze war der Hund mein Thema. Hunde sind domestizierte Tiere und wenn sie im Kampf aneinander geraten, Tiere von ursprünglicher Wildheit. Hier ging es mir darum, das durchgeknallte Wilde dieses kleinen Hundes zu zeigen, der den größeren und viel stärkeren Gegner so vollständig ohne Rücksicht auf Verluste anspringt, anfliegt. Diesen todbringenden Angriff des kleinen Hundes habe ich der Verdutztheit des überlegenen großen Hundes gegenübergestellt. So wird die kreisförmige Komposition durch den Angriff des kleinen Hundes zerschnitten. Durch diese Ordnungsprinzipien wird alles zu einer Gesamtheit. Wenn ich das mehr zu einer Kampfszene hätte werden lassen, dann wäre die Idee dahinter nicht so spürbar geworden.


Bei der großen Skulptur zweier miteinander kämpfenden Hunden hast du großen Wert auf die  Form der Kugel gelegt.
Es gab ein ganz kurzes auslösendes Ereignis, eine Szene, die jeder schon einmal gesehen hat. Zwei Hunde begegneten sich und blieben plötzlich nicht mehr neben ihrem Herrchen  stehen, sondern rasten aufeinander zu um sich anzufallen, sich scheinbar zu vernichten. Das hatte unheimlich viel Kraft und Energie. Die beiden Hunde waren einfach wieder Wölfe, wieder richtig wilde Tiere. Obwohl sie zu Hause in der Familie wahrscheinlich perfekt als niedliche Schoßhunde funktionieren, haben sie da ihre Wildheit herausgekramt und das hat mich unheimlich fasziniert. Das war ganz stark. Das habe ich eben versucht in dieser Hundekugel darzustellen, in einer möglichst geschlossenen Kugelform. Ich habe versucht, die Hunde in ihrem Kampf und ihrer Bewegung so zu verzahnen, dass das Ganze eine Kugel wird.


Nicht die allseitig geschlossene Fläche der Kugel  ist die Formgebung für deine Tänzer, sondern der Kreis. Ein nach oben offenes Rund ,in dem sich die Figuren im Kreis bewegen.  Eine Metapher für die Existenz des Menschen? Wie ist die Arbeit entstanden?
Diese "Bewegung im Kreis" besteht aus sieben Figuren, die ich skizziert habe, während ich vor dem Spiegel mein eigenes Modell war. Dann hab ich kleine Wachsfiguren nach den Skizzen geformt und sie danach, sehr groß, bis ca. 3.50 m hoch in Holz realisiert. Die einzelnen Figuren stellen mehr oder weniger grotesk sich verrenkende Tänzer dar, die sich einer hinter dem anderen im Kreis folgen. Der Kreis ist ja ein altes Symbol  für Unendlichkeit. Die Tänzer bewegen sich vorwärts ohne anzukommen. Das ist für mich wie menschliches Wirken. Unsere ständigen Verrenkungen bringen uns nie zum Ziel.


Was inspiriert dich zu deinen Arbeiten?
Meine Bildideen kommen manchmal direkt aus meinem Alltag, wie hier diese Skulptur mit dem Mann, der ein Baby im Maul trägt. Das ist eine Figur, die mit der Geburt  meiner ersten Tochter zu tun hat. Die Darstellung des In-Sicherheit-tragens, wie es auch in der Tierwelt vorkommt hat mir als Interpretation meiner Vaterrolle gefallen.

Die Skulptur mit dem Löwen dagegen ist gedanklich entstanden, als sich vor einiger Zeit ein Mensch in einem Gehege des Nürnberger Tiergartens hat zerfleischen  lassen. Das war für mich ein sehr starker Auslöser. Mit diesem Auslöser im Kopf bin ich rum gelaufen. Dabei entstand dann dieses Bild von dem Mann, der in vielleicht grotesker Weise so hut-ähnlich einen Löwen auf dem Kopf trägt.
Es geht aber auch in dieser Skulptur um meine Art - den Menschen. Dabei spielt der Löwe die Hauptrolle. Er  ist ein so beeindruckendes Raubtier, imposant und kraftvoll, das diesem schlanken Menschen vieles voraushat, da es eben nicht seine Triebe in Frage stellt.
Der Löwe in der Figur schwebt scheinbar auf dem Menschen. Die Figur nimmt die Last nicht  auf, sie schleppt keinen Löwen. Der Löwe beeinflusst als Idee das menschliche "Zentrum", das Bewusstsein.
Der Löwe ist auch ein Hut, um der Darstellung die edle Seriosität zu nehmen.

Eine weitere Arbeit die aus einer Tiergartengeschichte entstand,  ist die Skulptur mit den zwei Bären, die sich gegeneinander stützen. Vier Bären wurden nachts von einem Unbekannten aus dem Gehege des Nürnberger Zoos befreit und mussten dann erschossen werden, weil ein Einfangen unmöglich war. In meiner Skulptur halten die Bären mit ihren ausgestreckten Armen in der Mitte einen Menschen, bloß an seinem Kopf  fest. Die ganze Figurengruppe hält nur auf Grund des Drucks zusammen, so ähnlich, wie eine Brücke. Der Mensch hätte diese Niederlage gegen das Tier längst verdient.    
Schade um die Bären.


Christian, lass uns auch einmal über deine Technik reden. Die monumentalen Skulpturen entstehen hauptsächlich in hartem Einsatz mit einer Kettensäge. Warum benutzt du ein so martialisches Instrument?

Schon das Gewicht des Werkzeuges Säge ist für mich ein wichtiges Gestaltungsmittel, da ich durch die Form und die Länge des Schwertes und auch durch das Gewicht der Säge gezwungen werde, mit größtmöglichem Kraftaufwand an die Form zu gehen. Das erfordert natürlich schon großen körperlichen Einsatz, um dem Holz etwas abzugewinnen. Ich denke, dass man das den Figuren auch ansieht. Den Prozess des Um-die-Form-Kämpfens. Die Säge als Instrument ist deswegen auch so günstig, weil sie durch ihre Beschaffenheit fordert auf unwesentliche Details, die mir nicht wichtig sind, zu verzichten.


Du baust deine großen Figuren oft durch Verzahnungen und Verzapfungen regelrecht aus Einzelteilen auf. Willst du ihnen damit eine gewisse Bewegungsfreiheit geben?
Nein. Durch Art des Materials und Verbindungen gebe ich schon vor, dass es sich eben nicht um bewegliche Glieder handeln kann, sondern dass das einfach seine Gründe hat, warum sich jetzt gerade an dieser Stelle eine Holzverbindung befindet. Es ist mir wichtig, dass man als Betrachter den Aufbau der Figur erkennt, also auch nachvollziehen kann, wie sie komponiert ist. Mit diesen Mitteln versuche ich, die sehr einfache Form des Baumstammes aufzubrechen und z.B.die Arme in für mich interessante Richtungen zu schieben. Dadurch wird das Ganze zu einer Skulptur, hoffentlich zu einer überzeugenden.


Ein weiteres Arbeitsfeld sind deine Holz und Linolschnitte. Hängen die mit deinem bildhauerischen Werk zusammen?
Meine Druckgrafik ist häufig in Zusammenhang mit den Skulpturen entstanden. Auch aus der Lust heraus, mal etwas anderes zu probieren. Es ist erst einmal der Versuch etwas in der Zweidimensionalität zu leisten und vielleicht ein bisschen erzählerischer zu werden.


Abschließend möchte ich gerne etwas Persönliches fragen. Wenn einer käme und sagte: Christian, mach etwas, was du gerne machen würdest, ohne Einschränkungen? Was würde das sein?
Meine nächste Figur?

Was für eine?

Darüber red ich nicht. Ich habe einen Plan für eine Figur, aber ich weiß noch nicht, ob der funktioniert. Und wenn ich jetzt darüber rede, dann fühle ich mich zu sehr festgelegt.


Es soll also ein Geheimnis bleiben?





Das Interview führte der Redakteur des Bayerischen Fernsehens Burkhard Hirschhäuser anlässlich der Produktion "Atelierbesuche bei Christian Rösner" im Frühjahr 2000 in Nürnberg.